Sex - in der Ehe - Die Erotik neu entdecken
Warum die Leidenschaft mit den Jahren schwindet...
"Schatz, heute nicht!" sprach sie und sank in den Schlaf. Das typische Problem langjähriger Beziehungen: Statt Wind in den Sexsegeln herrscht Flaute...
Verliebt, verlobt, verheiratet: Nach den ersten Jahren großer Verliebtheit, wilder Nächte und strahlender Augen staunen viele Paare nicht schlecht, wenn in großen Umfragestudien wieder behauptet wird: 2-3 Mal pro Woche Sex ist Standard in deutschen Betten.
"2-3 Mal pro Woche?" rotiert es da in vielen Köpfen... "In welchen Betten findet das statt? In unserem jedenfalls nicht!"
Studien sind wichtig und gut, doch beim Thema Sex wird wohl mehr geflunkert, als sonst wo. Richtige Ergebnisse erzielen da eher Umfragen mit weniger schambesetzten Fragen, wie z.B. "Wie oft essen Sie Milchprodukte?"
Langeweile statt Leidenschaft
Psychologen, Paar- und Sexualtherapeuten von Kiel bis München erleben täglich Paare in ihrer Praxis, die über fehlenden Sex in ihrer Beziehung klagen. "Es läuft nicht mehr", "die Lust fehlt", "irgendwie ist der Reiz weg" - so lauten die Beschreibungen Betroffener. Ragnar Beer, Leiter des Partnerschaftsprojekts Theratalk der Universität Göttingen erklärt: "Das sexuelle Repertoire sinkt, aus Reiz wird Routine“. Denn im Laufe der Jahre perlt die Frische am Sex ab, irgendwann war alles schon mal da und die Handgriffe des Partners erscheinen wie uralte Freunde, deren Geschichten man schon auswendig mitsprechen kann.
Die Routine durchbrechen
"Kaufen Sie sich neue Reizwäsche, überraschen Sie Ihren Partner mit einem tollen Candelight-Dinner!" Diese Ratschläge sind so alt wie der Buchdruck. Doch so einfach ist es nicht. Wenn Flaute herrscht, reicht ein sexy Pusten alleine nicht, um frischen Wind in die Segel zu bekommen. Experten empfehlen, zunächst ein offenes Gespräch mit dem Partner zu führen: Warum ist der Sex langweilig geworden? Wieso schlafen wir nebeneinander wie Bruder und Schwester?
Sprechen Sie über Ihre Wünsche und Bedürfnisse. Wovon träumen Sie?
Ganz wichtig: Fragen Sie sich auch, warum die Lust gesunken ist! Oft steckt hinter der Flaute eine lange Geschichte. Viele Frauen z.B. fühlen sich durch Haushalt, Kinder und Beruf einfach überfordert, können und wollen abends nicht mehr die Verführerin spielen. Männer hingegen fühlen sich oft von ihrer Partnerin nicht mehr wahrgenommen, haben viele Zurückweisungen erlebt und einfach aufgegeben, sich weiter Mühe zu geben.
Wenn Sie gemeinsam herausfinden, welche Verletzungen, Missverständnisse oder Frustrationen vielleicht hinter ihrem Problem stehen, sind Sie schon einen großen Schritt weiter!
Sich neu entdecken
Wann haben Sie das letzte Mal mit Ihrem Partner eine Nacht durchgequatscht? Herzhaft Tränen gelacht? Spontane Dinge unternommen, die aufregend und spannend waren?
Wenn Sie jetzt länger als 1 Minute überlegen müssen: Mööp - durchgefallen!
Intensive Zeit zu Zweit - das ist der Luxus der Verliebten. Genau in diesem Zustand liegt die Leidenschaft. Wer nur beim Abendbrot die Alltäglichkeiten kurz bequatscht und dann gemeinsam vorm TV meditiert, kann im Normalfall Lust und große Gefühle aus seinem Wortschatz eliminieren.
Deshalb: Finden Sie Zeit für Neues, entdecken Sie die Freude aneinander, seien Sie spontan!
Ein Wochenendurlaub, ein gemeinsames Hobby - was auch immer Ihnen einfällt: Machen Sie es!
Interesse zeigen
Ein ganz wichtiger Punkt für die Neuentdeckung der Liebe ist: Interesse! Wie oft hören Sie nur mit halbem Ohr hin, wenn der Partner von der Arbeit erzählt. Wie oft fühlen Sie sich nicht wahrgenommen? Wie oft werden Dinge vergessen, die für den Partner von großer Bedeutung sind?
Sich gegenseitig zuhören, Anteil und Interesse am Leben des anderen haben: Hier entsteht Zweisamkeit und das Gefühl: Du bist mir wichtig und ich bin dir wichtig!
Wenn wir verliebt sind, merken wir uns jede Kleinigkeit des Anderen. Nach 10 Jahren Ehe kann jedoch so mancher Mann nicht mehr sagen, welche Augenfarbe seine Frau hat...
Doch Leidenschaft resultiert aus Nähe. Und die kann nur entstehen, wenn Sie wieder bereit sind, sich aufeinander einzulassen.
Sex - in der Ehe – Die 10 Irrtümer
Sex in der Ehe. Dann ist ja alles in Ordnung. Der Sex ist dort, wo er hingehört; zwei erwachsene Menschen wissen, „wie’s geht“. Irrtümer ausgeschlossen. Wirklich?
Irrtum Nr. 1: Sex ist immer irgendwie „schmutzig“
Einst hat Kirchenvater Augustinus Erbsünde und sexuelle Lust in Beziehung gesetzt. Seit damals hat Sex einen „sündigen Beigeschmack“, selbst in der Ehe. Zum Kinderkriegen ja – die müssen ja schließlich irgendwo herkommen –, aber bitte jegliche Lustgefühle unterdrücken! Dementsprechend galt noch im Mittelalter der Geschlechtsakt zum Zweck der Zeugung als „lässliche Sünde“; war er von Lustgefühlen begleitet, wurde er zur Todsünde.
Warum – so frage ich – hat Gott dann den Menschen gegenseitiges Verlangen mitgegeben und diese seine Schöpfung für „sehr gut“ erklärt, wenn der Mensch sich das Verlangen „abgewöhnen“ sollte? Lassen wir das Mittelalter hinter uns! Freilich: Gott hat die Ehe als den Ort bestimmt, in dem Sexualität voll (aus)gelebt wird, und zwar mit Lust!
Irrtum Nr. 2: Sex ist nicht wichtig
Neigen Christen vielleicht eher dieser Ansicht zu? Weil sie um die „Agape“-Liebe wissen, die mehr ist als „Eros“ oder „Sexus“? Aber auch Christen sind Menschen „aus Fleisch und Blut“. Deshalb regt sich auch in ihnen die sexuelle Triebkraft, und sie müssen damit irgendwie umgehen.
Der Apostel Paulus war da ganz nüchtern (1. Korinther 7,1-5): An dieser Stelle meinte er jedoch nicht, dass die Ehe nur der gegenseitigen Triebbefriedigung dienen solle. Da gehört weit mehr dazu – siehe auch Irrtümer Nr. 5 bis 7.
Irrtum Nr. 3: Sex ist die natürlichste Sache der Welt
Und deshalb nehmen wir uns die Natur zum Vorbild? Eben nicht: Wir Menschen leben nicht natürlich, sondern kultüblich. Wir „paaren“ uns nicht einfach – oder „rammeln“ wie die Kaninchen. Wir „machen Liebe“, d.h. wir gestalten die Sexualität und kultivieren sie als Ausdruck der Beziehung. „Beim Menschen – und in ausgesprochener Weise nur bei ihm – kann man in zunehmendem Maß eine natürliche Tendenz des Sexualtriebes zur Liebe beobachten. (…) Diese typisch menschliche Form der Sexualität bezeichnet man als Eros.“ (Theodor Bovet, „Die Ehe“)
Erotik ist kultivierter Sex – und auch für Ehepaare eine prickelnde Sache.
Irrtum Nr. 4: Über Sex spricht man nicht – man hat ihn
Manche sprechen über Sex und haben keinen. Und Paaren, die Sex haben, ist das Sprechen darüber peinlich oder zumindest ungewohnt. Aber: „Was in einer Beziehung nicht thematisiert wird, wird in der Regel auch nicht entwickelt“ (Volker und Felicitas Lehnert, „EHE wir’s verlernen“). Warum muss der Partner alleine herausfinden, was schön für den anderen ist? Warum nicht sagen: Das gefällt mir, das bringt mich auf Touren, das liebe ich besonders.
Vor allem Frauen wird nachgesagt, dass Worte zur sexuellen Erfüllung dazugehören. Wie schon der Therapeut und Kabarettist Bernhard Ludwig bemerkt hat: Es heißt Ohrgasmus!
Irrtum Nr. 5: Probleme beim Sex (zer-)stören die Beziehung
Und deshalb trennen wir uns besser, wenn es im Bett nicht mehr klappt!? Ist das die richtige Konsequenz? Oder wird da das Pferd von hinten aufgezäumt? Wirken sich nicht viel mehr Störungen in der Beziehung auf den Sex aus? Vielleicht ist es sogar ein gutes Zeichen, wenn eine Störung beim Sex empfunden wird, weil da „die Alarmglocken läuten“, die sagen: Beseitigt die Beziehungsstörung. Redet miteinander, hört einander zu – und macht in dieser Phase eine Pause vom Sex – siehe Irrtum Nr. 6.
„Nicht die Probleme in der Sexualität zerstören eine Beziehung, sondern unser Umgang mit ihnen.“ (Lehnert)
Irrtum Nr. 6: Sex kittet Konflikte
„Männer brauchen Sex als Weg zum Frieden. Frauen brauchen Frieden als Weg zum Sex.“ – „Für Frauen ist Erotik alles, was in der Beziehung stattfindet. Für Männer ist Erotik alles, was im Bett stattfindet.“ (Lehnert)
Sicher trifft das nicht auf alle Männer und alle Frauen zu. Aber im Großen und Ganzen stimmt es wohl. „Radiergummi-Sex“ (©Lehnert) ist kein geeignetes Mittel, um Konflikte zu bereinigen. Es kommt bestenfalls zum „Tipp-Ex-Sex“ (©Rettinger), der zwar zudeckt, trotzdem weiß jeder, es sind Fehler passiert. Und Fehler, Fehlverhalten in der Beziehung, lassen sich nicht ausradieren oder übermalen; sie werden nur durch Vergebung aus der Welt geschafft.
Irrtum Nr. 7: Auf die richtige Stellung kommt es an
Will man uns zumindest weismachen. Und so gibt es eine ganze Latte von Ratgebern mit Stellungen, die höchste Körperbeherrschung erfordern und einen eher technischen Zugang nahe legen. Ich meine, es kommt viel mehr auf die richtige Ein-Stellung an: Liebe, Einfühlung, Rücksicht. Spüren, was dem Partner gefällt und was (im Moment) nicht angesagt ist.
Manchmal wird gefragt: Was ist erlaubt? Um mit Paulus zu antworten: „Es ist alles erlaubt, aber nicht alles ist förderlich.“ Wer sich in den Partner einfühlt, spürt auch, was möglich ist und was nicht. Und Wünsche sollen durchaus ausgesprochen werden – siehe Irrtum Nr. 4.
Irrtum Nr. 8: Ziel ist es, den Gipfel gleichzeitig zu erreichen
Ich weiß, im Film ist es immer so. Die Wirklichkeit sieht – so vermute ich wenigstens – anders aus. Nicht einmal Bergsteiger kommen gleichzeitig auf dem Gipfel an. Wichtig ist nur, dass der, der zuerst ankommt, nicht vergisst, dass er noch den Partner „am Seil“ hat, der auch gerne den Gipfelsieg erringen möchte. Meine Erfahrung ist: Ein bewusstes Nacheinander bringt oft beiden Partnern mehr Genuss und Erfüllung. Ich kann mich jedenfalls am „Gipfelsieg“ meiner Frau wesentlich mehr mitfreuen, wenn ich nicht auf das Erreichen meines eigenen Höhepunkts fixiert bin …
Irrtum Nr. 9: Beide müssen Lust haben, um Sex zu haben
Das Leben der Partner verläuft nicht völlig synchron, und schon gar nicht ihr Gefühls- und Triebleben. Wenn einer gerne „möchte“, ist der andere längst nicht immer in der Stimmung dazu. „Da es weder ein ‚Muss’ zur Lust noch ein ‚Verbot’ von Lust geben kann, ist Lust bei nur einem Partner auch o.k.“ (Lehnert)
Und nachdem man aus Liebe und um des Partners willen alles Mögliche tut, auch wenn man keine Lust dazu hat, warum sollte Sex da die große Ausnahme bilden? Und nicht vergessen: Manchmal kommt der Appetit tatsächlich erst mit dem Essen.
Freilich: Unter bestimmten Voraussetzungen – siehe Irrtümer Nr. 5 und 6 – muss sich auch die eigene Lust „in Geduld fassen“.
Irrtum Nr. 10: Treue macht Triebe träge
Langzeitbeziehungen werden langweilig – nicht nur, aber auch oder vor allem im Bett. Man kennt sich und man kennt sich aus. Man hat nichts Neues, Überraschendes mehr zu erwarten. Warum eigentlich nicht? Warum nicht einmal anders miteinander schlafen – oder woanders.
Natürlich: Es wird kaum noch so aufregend werden wie am Anfang. Aber es ist auch nicht mehr so „verkrampft“ und „schnell vorbei“ wie am Anfang. Die gegenseitige Vertrautheit (nicht von ungefähr wird in der Bibel die sexuelle Vereinigung „Erkennen“ genannt), die Erfahrung der ehelichen Treue („Ich bin ihm/ihr immer noch der/die Einzige!“) bringt die Sexualität erst zu ihrer vollen Entfaltung und Reife.
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Warum die Leidenschaft mit den Jahren schwindet...
"Schatz, heute nicht!" sprach sie und sank in den Schlaf. Das typische Problem langjähriger Beziehungen: Statt Wind in den Sexsegeln herrscht Flaute...
Verliebt, verlobt, verheiratet: Nach den ersten Jahren großer Verliebtheit, wilder Nächte und strahlender Augen staunen viele Paare nicht schlecht, wenn in großen Umfragestudien wieder behauptet wird: 2-3 Mal pro Woche Sex ist Standard in deutschen Betten.
"2-3 Mal pro Woche?" rotiert es da in vielen Köpfen... "In welchen Betten findet das statt? In unserem jedenfalls nicht!"
Studien sind wichtig und gut, doch beim Thema Sex wird wohl mehr geflunkert, als sonst wo. Richtige Ergebnisse erzielen da eher Umfragen mit weniger schambesetzten Fragen, wie z.B. "Wie oft essen Sie Milchprodukte?"
Langeweile statt Leidenschaft
Psychologen, Paar- und Sexualtherapeuten von Kiel bis München erleben täglich Paare in ihrer Praxis, die über fehlenden Sex in ihrer Beziehung klagen. "Es läuft nicht mehr", "die Lust fehlt", "irgendwie ist der Reiz weg" - so lauten die Beschreibungen Betroffener. Ragnar Beer, Leiter des Partnerschaftsprojekts Theratalk der Universität Göttingen erklärt: "Das sexuelle Repertoire sinkt, aus Reiz wird Routine“. Denn im Laufe der Jahre perlt die Frische am Sex ab, irgendwann war alles schon mal da und die Handgriffe des Partners erscheinen wie uralte Freunde, deren Geschichten man schon auswendig mitsprechen kann.
Die Routine durchbrechen
"Kaufen Sie sich neue Reizwäsche, überraschen Sie Ihren Partner mit einem tollen Candelight-Dinner!" Diese Ratschläge sind so alt wie der Buchdruck. Doch so einfach ist es nicht. Wenn Flaute herrscht, reicht ein sexy Pusten alleine nicht, um frischen Wind in die Segel zu bekommen. Experten empfehlen, zunächst ein offenes Gespräch mit dem Partner zu führen: Warum ist der Sex langweilig geworden? Wieso schlafen wir nebeneinander wie Bruder und Schwester?
Sprechen Sie über Ihre Wünsche und Bedürfnisse. Wovon träumen Sie?
Ganz wichtig: Fragen Sie sich auch, warum die Lust gesunken ist! Oft steckt hinter der Flaute eine lange Geschichte. Viele Frauen z.B. fühlen sich durch Haushalt, Kinder und Beruf einfach überfordert, können und wollen abends nicht mehr die Verführerin spielen. Männer hingegen fühlen sich oft von ihrer Partnerin nicht mehr wahrgenommen, haben viele Zurückweisungen erlebt und einfach aufgegeben, sich weiter Mühe zu geben.
Wenn Sie gemeinsam herausfinden, welche Verletzungen, Missverständnisse oder Frustrationen vielleicht hinter ihrem Problem stehen, sind Sie schon einen großen Schritt weiter!
Sich neu entdecken
Wann haben Sie das letzte Mal mit Ihrem Partner eine Nacht durchgequatscht? Herzhaft Tränen gelacht? Spontane Dinge unternommen, die aufregend und spannend waren?
Wenn Sie jetzt länger als 1 Minute überlegen müssen: Mööp - durchgefallen!
Intensive Zeit zu Zweit - das ist der Luxus der Verliebten. Genau in diesem Zustand liegt die Leidenschaft. Wer nur beim Abendbrot die Alltäglichkeiten kurz bequatscht und dann gemeinsam vorm TV meditiert, kann im Normalfall Lust und große Gefühle aus seinem Wortschatz eliminieren.
Deshalb: Finden Sie Zeit für Neues, entdecken Sie die Freude aneinander, seien Sie spontan!
Ein Wochenendurlaub, ein gemeinsames Hobby - was auch immer Ihnen einfällt: Machen Sie es!
Interesse zeigen
Ein ganz wichtiger Punkt für die Neuentdeckung der Liebe ist: Interesse! Wie oft hören Sie nur mit halbem Ohr hin, wenn der Partner von der Arbeit erzählt. Wie oft fühlen Sie sich nicht wahrgenommen? Wie oft werden Dinge vergessen, die für den Partner von großer Bedeutung sind?
Sich gegenseitig zuhören, Anteil und Interesse am Leben des anderen haben: Hier entsteht Zweisamkeit und das Gefühl: Du bist mir wichtig und ich bin dir wichtig!
Wenn wir verliebt sind, merken wir uns jede Kleinigkeit des Anderen. Nach 10 Jahren Ehe kann jedoch so mancher Mann nicht mehr sagen, welche Augenfarbe seine Frau hat...
Doch Leidenschaft resultiert aus Nähe. Und die kann nur entstehen, wenn Sie wieder bereit sind, sich aufeinander einzulassen.
Sex - in der Ehe – Die 10 Irrtümer
Sex in der Ehe. Dann ist ja alles in Ordnung. Der Sex ist dort, wo er hingehört; zwei erwachsene Menschen wissen, „wie’s geht“. Irrtümer ausgeschlossen. Wirklich?
Irrtum Nr. 1: Sex ist immer irgendwie „schmutzig“
Einst hat Kirchenvater Augustinus Erbsünde und sexuelle Lust in Beziehung gesetzt. Seit damals hat Sex einen „sündigen Beigeschmack“, selbst in der Ehe. Zum Kinderkriegen ja – die müssen ja schließlich irgendwo herkommen –, aber bitte jegliche Lustgefühle unterdrücken! Dementsprechend galt noch im Mittelalter der Geschlechtsakt zum Zweck der Zeugung als „lässliche Sünde“; war er von Lustgefühlen begleitet, wurde er zur Todsünde.
Warum – so frage ich – hat Gott dann den Menschen gegenseitiges Verlangen mitgegeben und diese seine Schöpfung für „sehr gut“ erklärt, wenn der Mensch sich das Verlangen „abgewöhnen“ sollte? Lassen wir das Mittelalter hinter uns! Freilich: Gott hat die Ehe als den Ort bestimmt, in dem Sexualität voll (aus)gelebt wird, und zwar mit Lust!
Irrtum Nr. 2: Sex ist nicht wichtig
Neigen Christen vielleicht eher dieser Ansicht zu? Weil sie um die „Agape“-Liebe wissen, die mehr ist als „Eros“ oder „Sexus“? Aber auch Christen sind Menschen „aus Fleisch und Blut“. Deshalb regt sich auch in ihnen die sexuelle Triebkraft, und sie müssen damit irgendwie umgehen.
Der Apostel Paulus war da ganz nüchtern (1. Korinther 7,1-5): An dieser Stelle meinte er jedoch nicht, dass die Ehe nur der gegenseitigen Triebbefriedigung dienen solle. Da gehört weit mehr dazu – siehe auch Irrtümer Nr. 5 bis 7.
Irrtum Nr. 3: Sex ist die natürlichste Sache der Welt
Und deshalb nehmen wir uns die Natur zum Vorbild? Eben nicht: Wir Menschen leben nicht natürlich, sondern kultüblich. Wir „paaren“ uns nicht einfach – oder „rammeln“ wie die Kaninchen. Wir „machen Liebe“, d.h. wir gestalten die Sexualität und kultivieren sie als Ausdruck der Beziehung. „Beim Menschen – und in ausgesprochener Weise nur bei ihm – kann man in zunehmendem Maß eine natürliche Tendenz des Sexualtriebes zur Liebe beobachten. (…) Diese typisch menschliche Form der Sexualität bezeichnet man als Eros.“ (Theodor Bovet, „Die Ehe“)
Erotik ist kultivierter Sex – und auch für Ehepaare eine prickelnde Sache.
Irrtum Nr. 4: Über Sex spricht man nicht – man hat ihn
Manche sprechen über Sex und haben keinen. Und Paaren, die Sex haben, ist das Sprechen darüber peinlich oder zumindest ungewohnt. Aber: „Was in einer Beziehung nicht thematisiert wird, wird in der Regel auch nicht entwickelt“ (Volker und Felicitas Lehnert, „EHE wir’s verlernen“). Warum muss der Partner alleine herausfinden, was schön für den anderen ist? Warum nicht sagen: Das gefällt mir, das bringt mich auf Touren, das liebe ich besonders.
Vor allem Frauen wird nachgesagt, dass Worte zur sexuellen Erfüllung dazugehören. Wie schon der Therapeut und Kabarettist Bernhard Ludwig bemerkt hat: Es heißt Ohrgasmus!
Irrtum Nr. 5: Probleme beim Sex (zer-)stören die Beziehung
Und deshalb trennen wir uns besser, wenn es im Bett nicht mehr klappt!? Ist das die richtige Konsequenz? Oder wird da das Pferd von hinten aufgezäumt? Wirken sich nicht viel mehr Störungen in der Beziehung auf den Sex aus? Vielleicht ist es sogar ein gutes Zeichen, wenn eine Störung beim Sex empfunden wird, weil da „die Alarmglocken läuten“, die sagen: Beseitigt die Beziehungsstörung. Redet miteinander, hört einander zu – und macht in dieser Phase eine Pause vom Sex – siehe Irrtum Nr. 6.
„Nicht die Probleme in der Sexualität zerstören eine Beziehung, sondern unser Umgang mit ihnen.“ (Lehnert)
Irrtum Nr. 6: Sex kittet Konflikte
„Männer brauchen Sex als Weg zum Frieden. Frauen brauchen Frieden als Weg zum Sex.“ – „Für Frauen ist Erotik alles, was in der Beziehung stattfindet. Für Männer ist Erotik alles, was im Bett stattfindet.“ (Lehnert)
Sicher trifft das nicht auf alle Männer und alle Frauen zu. Aber im Großen und Ganzen stimmt es wohl. „Radiergummi-Sex“ (©Lehnert) ist kein geeignetes Mittel, um Konflikte zu bereinigen. Es kommt bestenfalls zum „Tipp-Ex-Sex“ (©Rettinger), der zwar zudeckt, trotzdem weiß jeder, es sind Fehler passiert. Und Fehler, Fehlverhalten in der Beziehung, lassen sich nicht ausradieren oder übermalen; sie werden nur durch Vergebung aus der Welt geschafft.
Irrtum Nr. 7: Auf die richtige Stellung kommt es an
Will man uns zumindest weismachen. Und so gibt es eine ganze Latte von Ratgebern mit Stellungen, die höchste Körperbeherrschung erfordern und einen eher technischen Zugang nahe legen. Ich meine, es kommt viel mehr auf die richtige Ein-Stellung an: Liebe, Einfühlung, Rücksicht. Spüren, was dem Partner gefällt und was (im Moment) nicht angesagt ist.
Manchmal wird gefragt: Was ist erlaubt? Um mit Paulus zu antworten: „Es ist alles erlaubt, aber nicht alles ist förderlich.“ Wer sich in den Partner einfühlt, spürt auch, was möglich ist und was nicht. Und Wünsche sollen durchaus ausgesprochen werden – siehe Irrtum Nr. 4.
Irrtum Nr. 8: Ziel ist es, den Gipfel gleichzeitig zu erreichen
Ich weiß, im Film ist es immer so. Die Wirklichkeit sieht – so vermute ich wenigstens – anders aus. Nicht einmal Bergsteiger kommen gleichzeitig auf dem Gipfel an. Wichtig ist nur, dass der, der zuerst ankommt, nicht vergisst, dass er noch den Partner „am Seil“ hat, der auch gerne den Gipfelsieg erringen möchte. Meine Erfahrung ist: Ein bewusstes Nacheinander bringt oft beiden Partnern mehr Genuss und Erfüllung. Ich kann mich jedenfalls am „Gipfelsieg“ meiner Frau wesentlich mehr mitfreuen, wenn ich nicht auf das Erreichen meines eigenen Höhepunkts fixiert bin …
Irrtum Nr. 9: Beide müssen Lust haben, um Sex zu haben
Das Leben der Partner verläuft nicht völlig synchron, und schon gar nicht ihr Gefühls- und Triebleben. Wenn einer gerne „möchte“, ist der andere längst nicht immer in der Stimmung dazu. „Da es weder ein ‚Muss’ zur Lust noch ein ‚Verbot’ von Lust geben kann, ist Lust bei nur einem Partner auch o.k.“ (Lehnert)
Und nachdem man aus Liebe und um des Partners willen alles Mögliche tut, auch wenn man keine Lust dazu hat, warum sollte Sex da die große Ausnahme bilden? Und nicht vergessen: Manchmal kommt der Appetit tatsächlich erst mit dem Essen.
Freilich: Unter bestimmten Voraussetzungen – siehe Irrtümer Nr. 5 und 6 – muss sich auch die eigene Lust „in Geduld fassen“.
Irrtum Nr. 10: Treue macht Triebe träge
Langzeitbeziehungen werden langweilig – nicht nur, aber auch oder vor allem im Bett. Man kennt sich und man kennt sich aus. Man hat nichts Neues, Überraschendes mehr zu erwarten. Warum eigentlich nicht? Warum nicht einmal anders miteinander schlafen – oder woanders.
Natürlich: Es wird kaum noch so aufregend werden wie am Anfang. Aber es ist auch nicht mehr so „verkrampft“ und „schnell vorbei“ wie am Anfang. Die gegenseitige Vertrautheit (nicht von ungefähr wird in der Bibel die sexuelle Vereinigung „Erkennen“ genannt), die Erfahrung der ehelichen Treue („Ich bin ihm/ihr immer noch der/die Einzige!“) bringt die Sexualität erst zu ihrer vollen Entfaltung und Reife.
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